Antonov An-2
Die russische Antonov (oder Antonow)
An-2 ist eines der absonderlichsten Flugzeuge, die man heutzutage am
Himmel sehen kann. Doppeldecker sind heute selten, und nur einige
Kunstflugzeuge haben noch zwei Tragflächen. Aber die An-2 ist auch der
größte einmotorige Doppeldecker, der je gebaut wurde.
Dabei ist die AN-2 streng genommen gar
kein Doppeldecker - ein Doppeldecker ist ein Flugzeug nur dann, wenn
beide Tragflächen ungefähr die selbe Spannweite haben, und das ist nicht
der Fall. Die AN-2 ist ein "Anderthalbdecker".
Die An-2 geht auf die Forderungen des
Ministeriums für Land- und Forstwirtschaft zurück. Nach dessen Vorgaben
wurde die AN-2 vom Kontruktionsbüro von Oleg Constaninovitch Antonov
(1906-1984) entworfen. Um die Forderungen nach einem sehr robusten
Flugzeug mit STOL-Fähigkeiten (Short Take-Off an Landing) zu erfüllen,
wählten die Konstrukteure eine ungewöhnliche Form.
Die An-2, während der
Konstruktionsphase hieß sie noch SKh-1 - Selskoe Khozaistvo -
Landwirtschaft, ist ein Doppeldecker in Metalbauweise mit starren
Fahrwerk. Sie wird von einem mächtigen ASh-62 Sternmotor mit 9 Zylindern
angetrieben, der in der Flugzeugnase angebracht ist. Er verbraucht
ungefähr 180 Liter Treibstoff und 2-3Liter Schmieröl pro Flugstunde. Der
vierblättrige Verstellpropeller hat einen Durchmesser von 3.60 Meter!
Direkt hinter dem Motor befindet sich
das stark verglaste Cockpit für zwei Besatzungsmitglieder (Pilot und
Copilot/Bordmechaniker). Die zwei Tragflächen sind an der Ober- und
Unterseite des Rumpfes angebracht und sind untereinander verstielt und
verspannt. Die obere Tragfläche hat eine Spannweite von 18,20 Meter, die
untere 14,20 Meter. Der nicht druckbelüftete Rumpf ist für ein Flugzeug
dieser Klasse sehr geräumig - die Kabine ist innen 4,10 Meter lang, 1,60
Meter breit und 1,80 Meter hoch. Entsprechend plump und massig ist die
äußere Erscheinung.
Während der gesamten Produktion wurden
am Rumpf eigentlich nur die Form der Fenster verändert. Die Einstiegstür
ist am Ende der Kabine angebracht. Auch ein großes Frachttor war
möglich.
In der Passagierversion finden bis zu
12 Personen in der Kabine Platz. Das Leitwerk ist ebenfalls sehr massig
ausgefallen und hat eine rundliche Form. Einige spätere Versionen haben
allerdings ein eckiges Seitenleitwerk. Durch die große Flügelfläche
braucht die AN-2 nur eine sehr kurze Start- und Landestrecke, für den
Start reicht eine Rollstrecke vom 150 Meter, für die Landung benötigt
die AN-2 170 Meter. Bei Graspisten müssen noch ungefähr 20 Meter dazu
gerechnet werden.
Der Erstflug der AN-2 fand am 31.
August 1947 statt. Die Angaben zum Beginn der Produktion sind nicht
eindeutig - verschiedene Quelle sagen 1948 oder 1949.
Bis 1960 wurden in der Sowjetunion
ungefähr 5000 AN-2 gebaut. Danach wurde die Produktion nach Polen an die
Flugzeugwerke PZL Mielec übergeben. Die polnische AN-2 ist fast
identisch mit der russischen Version und wird von einem PZL Kalisz
ASz-62IR Sternmotor angetrieben. Der Erstflug der polnischen An-2 war am
23.Oktober 1960. Bis in die neunziger Jahre wurden in Polen mindestens
11000 Exemplare gebaut.
Auch in China wurde die An-2 ab 1957
in Lizenz gebaut. Die bei Nachang und später bei der Shijiazhuang
Aircraft Manufacturing Company gebauten Maschinen tragen den Namen Y-5.
Die Anzahl der chinesischen Y-5 ist undeutlich, aber es dürften
ebenfalls einige tausend Exemplare gebaut worden sein.
Die unterschiedlichen Versionen der
An-2 sind praktisch nicht aufzuzählen. Sie wurde in Prinzip für jede
denkbare zivile und militärische Aufgabe verwendet. Dazu zählen
Passagier- und Frachttransport, landwirtschaftliche Einsätze, Einsätze
als Löschflugzeug, das Absetzen von Fallschirmjägern, Luftbildaufnahmen,
Wetterbeobachtung und vieles mehr. Auch mehrere Versionen mit Schwimmern
wurden gebaut.
Nach vorsichtigen Schätzungen wurden
ungefähr 18.000 AN-2 gebaut. Noch heute fliegen viele AN-2 und nach dem
Fall der Sowjetunion fanden viele AN-2 ihren Weg in westliche Länder. In
den USA besteht eine große Fangemeinde. Allerdings schränken die
amerikanischen Luftfahrtbehörden den kommerziellen Einsatz der AN-2
stark ein. Böse Zungen behaupten, dass dahinter amerikanische
Flugzeugfirmen stecken, die Konkurrenz von Gebrauchtflugzeugen fürchten,
die zum Preis eines besseren Mittelklassewagens zu haben sind.
Dennoch dürften AN-2s als
"Buschflugzeuge" in vielen Ländern noch lange Verwendung finden. Auch
Fallschirmspringer schätzen die AN-2 für ihre große Kabine, die breite
Tür und die relativ geringe Absetzgeschwindigkeit.
In Deutschland sind noch einige AN-2s
im Einsatz, hauptsächlich für nostalgische Rundflüge. All Air Charter
Berlin, Classic Wings oder die Luftfahrtzeitschrift "Flugrevue" besitzen
AN-2s.
Wer nicht unbedingt mit der AN-2
fliegen, sondern sie nur bestaunen möchte, der findet sie in folgenden
Museen: Luftfahrtmuseum Laatzen- Hannover e.V., Flugausstellung Leo
Junior Hermeskeil, Auto+Technik Museum Sinsheim , Technikmuseum Speyer,
Internationales Luftfahrtmuseum Villingen-Schwenningen, Deutsches
Museum- Flugwerft Schleißheim, Air Classic Flugzeugmuseum Frankfurt,
Militärhistorisches Museum Dresden, Raumfahrtmuseum Peenemünde und im
Luftwaffenmuseum Berlin-Gatow.
Text:
Steffen Schiller