VFW-Fokker 614
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in
Deutschland mehr als 20 Jahre lang keine Verkehrsflugzeuge produziert.
Nur in der DDR wurde mit der erfolglosen Baade 152 ein Versuch
unternommen, wieder im Großflugzeugbau Fuß zu fassen. Erst in den
sechziger Jahren begann eine Zusammenschluß mehrerer bundesdeutscher
Flugzeugfirmen, anfangs Entwicklungsring Nord (ERNO) und später
Vereinigte Flugtechnische Werke (VFW) genannt, sich Gedanken über ein
mit Turbinen angetriebenes Flugzeug zu machen. Dabei versuchten sie
nicht, in den von Boeing und Douglas Commercial beherrschten Markt der
großen Verkehrsflugzeuge einzudringen, sondern orientierten sich mehr
nach "unten", auf den wachsenden Markt für Flugzeuge bis 50 Passagiere.
Die ersten Entwürfe hatten eine klare
Richtung - ein Flugzeug für Entwicklungsländer und den Betrieb unter
schweren Bedingungen. Das auffälligste Ergebnis dieser Vorgaben war die
Anordnung der Treibwerke - auf den Tragflächen! Das hatte zwei Gründe.
Die Lufteinläufe waren so weitestgehend vor Fremdkörpern geschützt, die
auf unbefestigten Pisten häufig anzutreffen sind und die Turbinen
beschädigen könnten. Außerdem konnte so das Fahrwerk kürzer, und damit
einfacher und stabiler, ausgelegt werden. Ein interessanter Nebeneffekt
der Triebwerksanordnung war, das die Tragflächen die Triebwerke beim
Überflug abschirmten und die VFW 614 dadurch ein relativ leises Flugzeug
war. Der Geräuschpegel beim Start, Landung und Überflug liegt bei
ungefähr 90-92 EPNbB.
Auch andere Konstruktionsdetail wiesen
auf die Auslegung als "Buschflugzeug" hin - eine eigene Flugzeugtreppe,
eine Hilfsgasturbine für die Stromversorgung am Boden und eine hinter
dem Cockpit zur Seite abklappbaren Flugzeugbug (ähnlich dem
Guppy-Transportern), der das Beladen erleichtern sollte. Diese Ladeluke
wurde nicht verwirklicht, da sich die VFW entschieden, das Projekt mehr
auf den europäischen und amerikanischen Markt zu orientieren.
Am Ende der Entwicklungsphase war die
VFW 614 bis auf die Triebwerksanordnung äußerlich dann doch etwas
konventioneller geraten, als man anfangs vorgesehen hatte. Die VFW 614
ist ein Tiefdecker mit gepfeilten Tragflächen. Die Turbinen sind an
Pylonen auf den Tragflächen angebracht. Aus Gründen der angestrebten
unkomplizierten Wartung und der längeren Haltbarkeit von Struktur und
Triebwerk wurde auf die Schubumkehr verzichtet. Dafür erhielt die VFW
umfangreiche Luftbremsen und Radbremsen mit ABS. Dadurch ist die Start-
und Landestrecke mit 1325 bzw. 1100 Meter sehr kurz. Das Leitwerk ist
konventionell mit am Rumpf angebrachten Höhenleitwerk. Der Rumpf selbst
ist verhältnismäßig massiv und dadurch ist die Kabine mit 11,21 Metern
Länge, 2,66 Metern Breite und 1,92 Metern Höhe für ein Flugzeug dieser
Größe sehr geräumig. Die Kabine ist für 40 bis 44 Passagiere in 4
Sitzreihen ausgelegt wird durch eine vorne angebrachte Treppe betreten.
Eine verlängerte Version war geplant, wurde aber nicht verwirklicht. Das
Gepäck wird in zwei Unterflurräumen und einem Gepäckraum vor der Kabine
verstaut. Das gut verglaste Cockpit ist für zwei Piloten ausgelegt. Die
in den ersten Entwürfen vorgesehene Hilfsturbine für die Stromversorgung
am Boden wurde beibehalten.
Der Programmstart war Mitte der
sechziger Jahre und ab 1966 wurde das Projekt von der Bundesregierung
finanziell unterstützt. Als Triebwerke waren erst die PLF 1 B-1 von
Lycoming vorgesehen, diese wurden aber noch in der Entwicklungsphase
durch die Bristol-Siddeley/SNECMA M-45F ersetzt. Da für die VFW die
Entwicklung eines Verkehrsflugzeuge Neuland war , suchte man nach
Partnern, die das Risiko mit übernehmen und sich an der Herstellung
beteiligen würden. Die Niederländischen Fokker -Werke sagten zu, und so
wurde 1969 aus der VFW 614 die VFW-Fokker 614, die endlich am 14. Juli
1971 zu Erstflug startete. Der ersten Testmaschine (D-BABA) folgten am
14. Januar 1972 und am 10.Oktober 1972 zwei weitere Testmaschinen (D-BABB
und D-BABC). Allerdings wurden die Testflüge von einem tragischen Unfall
überschattet. Bei einem Testflug am 1.Februar 1972 kam es, wie man
später herausfand, zum Flattern des Höhenruders. Das Flugzeug (D-BABA)
geriet außer Kontrolle und nur zwei der drei Besatzungsmitglieder
konnten sich mit dem Fallschirm retten.
Dennoch schien die VFW-Fokker 614
einen guten Start zu haben. Mitte 1971 hatte VFW-Fokker bereits 26
Optionen und Bestellungen erhalten. Man ging davon aus, daß man ab 175
verkauften Exemplaren Gewinn einfahren würde. Genau zu diesem Zeitpunkt
zogen sich die ersten dunklen Wolken über den Projekt zusammen. Der
Triebwerkshersteller Rolls-Royce, der Bristol-Siddeley übernommen hatte
und die Triebwerke liefern sollte, mußte 1971 Konkurs anmelden und
konnte erst 1972 die Produktion des M-45F wieder aufnehmen. Nach den
Tests erhielt die VFW-Fokker 614 am 23. August 1974 die deutsche
LBA-Zulassung und innerhalb der folgenden zwei Jahre auch die
amerikanisch FAA-Zulassung und die französische DGA-Zulassung. Die erste
Serienmaschine flog am 28. April 1975 und wurde an die dänische
Fluggesellschaft Cimber Air übergeben. Später erhielt die Cimber Air
noch eine Maschine. Weitere Kunden waren die französischen
Gesellschaften Touraine Air Transport - TAT (2 Maschinen), Air Alsace (3
Maschinen) und die Flugbereitsschaft der Bundeswehr (3 Maschinen). Aber
das hoffnungsvoll begonnene Projekt sollte in einem ökonomischen
Desaster enden. Bestellungen blieben aus und am Ende lieferten die VFW
nicht einmal alle 16 fest bestellten Maschinen aus. In Aussicht
gestellte Großbestellungen von FedEx und der Amerikanischen Küstenwache
blieben aus. Die Bundesregierung beschloß, die Zahlungen einzustellen
und das Airbus Projekt mehr zu fördern. Am 31.Dezember 1977 wurde das
Projekt VFW-Fokker 614 nach der Fertigung von 10 Serienmaschinen und 3
Prototypen offiziell geschlossen.
Die zivilen VFW-Fokker 614 flogen nur
wenige Jahre und wurden dann zurück gegeben und eingelagert oder
verschrottet. Den drei Maschinen der Bundeswehr war ein längeres
Arbeitsleben beschieden. Erst 1998 wurden sie außer Dienst gestellt.
Aber zwei der zurückgegebenen
VFW-Fokker 614 sollten einen außerordentlich erfolgreiches "zweites
Leben" führen. Eine Maschine wurde für das Deutsche Zentrum für Luft-
und Raumfahrt in das Test- und Forschungsflugzeug "Advanced Technologies
Testing Aircraft System - ATTAS" umgebaut und wird immer noch für
Forschungsaufgaben genutzt. Das Forschungsflugzeug ATTAS kann zum
Beispiel durch ein frei programmiertes electro-optisches Steuersystem
die Flugeigenschaften noch nicht gebauter Flugzeug im Flug simulieren.
Eine weitere Maschine wurde von Airbus zu ähnlichen Zwecken umgebaut -
die VFW-Fokker 614 ATD - Advanced Technologie Demonstrator. Diese
Maschine wurde bis vor kurzem für Test- und Forschungsaufgaben von
Airbus Industries genutzt.
Häufig wurde die Frage gestellt, warum
die VFW-Fokker 614 nicht den Erfolg haben, den heute vergleichbare
Maschinen von Canadier und Embraer haben. Als Ursache des Mißerfolges
der VFW 614 werden mehrere Gründe genannt. Zuerst die Ölkrise, die die
zivile Luftfahrt in den siebziger Jahren in Probleme brachte. Auch das
ambitionierte Concorde Programm wurde durch die steigenden
Treibstoffpreise in die Enge getrieben. Zweitens taucht immer wieder das
Gerücht auf, daß der Verkauf nicht optimal gefördert wurde. Angeblich
soll die Fokker - Werke, die für den Verkauf verantwortlich waren, in
erster Linie ihre eigenen Produkte angepriesen haben. Tatsächlich sind
die Fokker F-27 und F-28 Konkurrenten in der Klasse, in die VFW-Fokker
614 eindringen sollte. Es mag etwas an den Gerücht dran sein, zu
beweisen ist es nicht.
Drittens wird oft gesagt, daß "der
Markt noch nicht reif war..." Einige Argumente sprechen dafür. Auch die
Fokker F-28 war kein sehr großer Verkaufserfolg. Allerdings war ein
Markt für Regionalflugzeuge vorhanden - die F-27 und andere
Regional-Turboprops wurden in ansehnlichen Stückzahlen produziert und
verkauft. Aber wahrscheinlich scheuten die Fluggesellschaften in den
unsicheren Zeiten der Ölkrise die teure Anschaffung moderner
Kurzstreckenjets für das noch nicht sehr ausgeprägte regionale Flugnetz.
Aber die Geschichte der VFW 614 ist
vielleicht noch nicht zu Ende. Die drei Maschinen der Flugbereitschaft
wurden von der dänischen Regionalfluggesellschaft Muk - Air übernommen,
die diese Flugzeuge wieder in Betrieb nehmen will. Das ausgerechnet die
Muk- Air Interesse an der VFW-Fokker hat, ist vielleicht kein Zufall.
Der Gründer und Besitzer der Muk - Air, Knut Lindau, kennt die VFW 614
zumindest vom Hörensagen - vor der Gründung seiner eigenen
Fluggesellschaft im Jahre 1979 war er Pilot bei Cimber - Air.
Sollte die Muk-Air die Maschinen nicht
in Dienst stellen, wird die VFW-Fokker 614 nicht ganz verschwinden. Im
Technikmuseum Speyer ist die erste Serienmaschine ausgestellt.
Text:
Steffen Schiller